Mittwoch, 30. Juni 2010

Totalitarismus total

Was bei Hannah Arendt noch ein Ausdruck moralischer Empörung gewesen sein mag, hat sich in den letzten Jahren zum festen Bestandteil der öffentlichen Meinung gemausert. All jene, die Jahr für Jahr die Annexion der DDR durch die BRD (zum wiedervereinigten Großdeutschland fehlt ja nur noch Preußen und das Sudetenland!) feiern und sich bei jeder Gelegenheit ihren patriotischen (vulgo: völkischen) Wallungen hingeben, wissen inzwischen genau, dass Sozialisten eigentlich auch nur Nazis sind, weil man brav gelernt hat sich, ohne auch nur dem Hauch einer historisch angemessenen Begriffsbildung sich anzubequemen, willkürlich Kriterien zu suchen, um den Faschismus mit dem real existierenden Sozialismus gleichzusetzen. Dass es schon gar kein Vergleichen mehr, sondern tatsächlich ein Gleichsetzen ist, hat symptomatisch der RCDS bewiesen. In der konstituierenden Stupa-Sitzung vom 17. Juni gedachte man der Opfer des 17. Juni zu gedenken. Wer mag aufstehen und dagegen sich stellen, wird man zu Recht fragen. Eine ganz andere Sache ist aber, einen solchen Tag zum Anlass zu nehmen der Opfer der „beiden sozialistischen Staaten auf deutschen Boden“, was zu formulieren sich Martin Röckert vom RCDS nicht entblödete, zu gedenken. Selbst ein gestandener Totalitarismustheoretiker/Geschichstrevisionist wie Ernst Nolte, der sich heute ganz offen selbst zum rechten Lager rechnet, hätte wohl nicht die Nerven für eine so unmissverständliche Formulierung gehabt. Man hört sie allenfalls von einem Nazi-Blatt wie der „Jungen Freiheit“ ab und an.
Dass dieser Haufen (der RCDS), der sich nun, wie auf der Homepage nachzulesen, als großer Menschenfreund stilisiert, indem er die Gruppen, die aus Protest den Raum verließen, beschimpft, sich einen Scheißdreck um das Andenken irgendwelcher Opfer schert, lässt sich leicht an der Funktion der Totalitarismustheorie nachweisen. Sie leistet über ihren haltlosen Vergleich nur eine Sache: die Rechtfertigung jeder Schweinerei – etwa eines (umgangssprachlichen) Krieges in Afghanistan – eines kapitalistischen (mithin demokratischen) Staates, da dieser schlicht zum Maßstab der Beurteilung herangezogen wird. Und um was soll es einem RCDSler auch anderes gehen, als um eine Legitimation der BRD? Dass alte Nazikader, inzwischen geübt in deutscher Opfergebärde, in vielen bürgerlichen Parteien (darunter auch und vor allem in der CDU und in der FDP) allzu leicht und ganz unbehelligt ihre neue Heimat gefunden haben und auch zum Teil ihre Ämter behalten durften, Entschädigungen gezahlt bekamen etc., wird dabei geflissentlich verschwiegen. Aber, mein Gott, was soll’s –es herrscht (!) ja Meinungsfreiheit!

PS: Für alle Vergleichsfetischisten zum Schluss noch eine kleine und gemeine Liste mit willkürlich gewählten Gemeinsamkeiten der BRD mit dem Dritten Reich: Führen eines Angriffskrieges, hegemoniale Stellung in Europa, Verbot von unliebsamen Parteien, Tendenz zum gesamtgesellschaftlichen Rassismus, Antisemitismus und Sexismus, Verbot von Generalstreiks, Elitenbildung, gewaltsames Vorgehen gegen Demonstranten, Antikommunismus, Kapitalismus...

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